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KALENDER

Kunstworkshop “die Drei” 08.06.2019, 16.30 -18.30h

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DauerAusstellung Simplicissimus-Haus, Renchen Trutz Simplex

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Katalog/Vorzugsausgabe zur Bestellung

 

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Auftragsportrait – Bildnis für die Mutter 2013

Ein Bild für die Mutter!

Ungleiches mit einander zu verbinden, ist, als gälte es den Sinn der Gemeinschaft zweier Ungleichen herauszufinden. Vor mir steht ein Schwesternpaar, unterschiedlich in Statur und Wesen.
Der Auftrag laut Maren ist: „Male ein großes Bild von uns, keine Schönheiten, so wie wir sind, ich muss nicht erkennbar sein.“
Laura vervollständigt die Idee des Auftrags in praktischer Weise:  „Hochformat oder Querformat müssen wir festlegen, am besten bei unseren Eltern… Edda , was brauchst du?, wie viel Zeit?, kein Problem!, oh Gott ist das spannend, bin ich erkennbar?, mal nicht meine Pickel !, darf ich mal gucken?“
Ich beginne grob mit Kohle zu skizzieren: Lauras Energiewind mit ihrer rothaarigen, ebenso sinnlich wie hellhäutigen pastelligen Schwester Maren.
Maren steht zuerst Modell: „Was zieh ich an?, wenig Schmuck, meine Haare sollen anders sein, nicht so wie sie jetzt sind…“ – ich male die Vielfarbigkeit ihres Wesens mehrere Stunden bis in den Abend, das Holzfeuer im Elternhaus knistert, sie fühlt sich wohl, die Sitzung ist anstrengend. Maren hat viele fließende Facetten. Eine ganz bestimmte Haltung kommt immer wieder, ihre mit der Innenseite auf die Hüfte abgelegte  Hand fasziniert mich. Sehr eigen. Sie bestimmt, dass ich ihr einen Lippenstift, den sie immer trüge, auf die Lippen male – ein gefährliches Rot, was den Mund offiziell werden lässt. Doch die Bestimmtheit verträgt sich mit ihrer sich ständig bewegenden Mimik. Weitsicht, Ernst, Klarheit, Spiritualität, Heiterkeit – ich sehe ihre polychrome Aura,– hoffentlich finde ich einen Einklang mit Lauras Aura, die mir als Nächste Modell sitzt.
Auch ihre Kleiderwahl ist besprochen, so natürlich und bequem wie möglich, den ausgesuchten Schmuck hat sie zu Hause vergessen, macht nichts, ein grüner ovaler Stein, der zu ihr gehört.  Schön, dass Lauras Statur robust ist, mit ihrem Drang nach Bewegung kann ich das Format füllen und der Komposition die Richtung geben, die es braucht, denn ich male nicht nur ein  Portrait, sondern ein Bild für die Mutter.
Die Räumlichkeiten der Eltern, in denen ich eigentlich nicht sein darf, tangieren mich nicht, das helle Licht im Wintergarten verstärkt die Helligkeit, die von Laura und Maren als Menschen ausgehen. Die Nachbarn sind eingeladen, sich für zwei Tage fern zu halten. Ich konzentriere mich ungestört auf das Intime, was in jeder Portrait-Sitzung zwischen Model und Maler stattfindet,  und auf den Kern meines Auftrags, die unbekannte Mutter. Ich stelle sie mir im Draht-Schnur-Geflecht mit grau-schweren  Druckmaschinen ihrer Firma vor. Es entspricht noch nicht einmal annähernd  dem Bild einer Mutter per se.
Die Firma beeindruckt mich, ich liebe Druckindustrie, den Geruch, die Maschinengeräusche inmitten unüberschaubarer Paletten von Papier, wo in zeitloser Harmonie kräftige Männer, Hebel und Stapel bedienen. Eine blaugraue Konstruktion sehe ich im Hintergrund meines Bildes.
Zurück zu Laura. Während des Malens an ihren Augen, erlebe ich die liebende Tiefe ihres Blickes, die mich bewegt und die ihr Gesicht in meinen Augen so schön macht. Ihren Haaren ist es egal wie sie liegen. Ich sehe erdiges Rot durch ihre Strähnen schimmern und beschließe es in ihrer Strickjacke wiederkehren zu lassen. Diese unkleidsame Strickjacke!, lasse ich sie überhaupt?  Ich wandere malend von dem indigoblauen Ärmel  Marens zum Laura umgebenden Rot der Jacke, was mit  wenigen Strichen wie ein Umhang anmutet, zum blaugrauen Grün ihres Kleides. Im Malen  vergesse ich meinen Auftrag, das Bild. Die Pinsel malen von selbst und träumen sich in  eine mittelalterliche Farbenwelt von Mathias Grünewald. Ich denke an seine wissend gemalte Hingabe, die mir die liebste ist. Das Wort Maria-Energie schleicht sich in meine Gedanken. Von Laura geht eine starke  Wärme aus. Ob ihr das selbst bewusst ist, ob das überhaupt schon jemand so gefühlt hat, frage ich mich. Ich bin froh, dass Farben schweigen und mich ohne Worte fühlend machen.  Noch hält sie  eine undefinierte blanke Kartonage. Das Grün hinter Lauras Fingern drängt sich als Komplementäre zum Rot  wie selbstverständlich in den Vordergrund  – Form und Inhalt stimmen überein.  Dem neuen Logo der Firma hänge ich ein weißes Quadrat an, ich brauche das Weiß an der Stelle kompositorisch, es korrespondiert mit den offenen Stellen der Leinwand im Hintergrund. Wenn ich es wegdenke, hört Lauras Farbigkeit auf zu leuchten.
Während des Malens wird mir die Größe der unbekannten Mutter bewusst.  Ihr Werk ist eigentlich das Zusammenspiel von Laura und Maren vor dem Hintergrund ihrer Druckerei.  Dass ich die unsichtbare, aber fühlbare Größe ihres Werks  mit dem sichtbaren Maß von 130 x 170 cm nach Absprache kurzfristig  um 10 cm erweitern  konnte, erscheint mir kaum angemessen.  Die angenähten Leinwandstreifen geben dem Bild wenigstens mehr Luft, mehr Raum und entsprechen der abstrakt formulierten Konstruktion im Hintergrund. Maren braucht einen königsblauen Streifen hinter ihrem Kopf, der zu ihrem Wesen, zu ihrer Farbigkeit gehört. Wie ein letztes Puzzleteil erschließt sich meine Assoziation zur Maria-Energie, die ohne das Blau nicht denkbar ist. Ein bloßer realistischer Blick reicht nicht, um die Zusammengehörigkeit  der beiden Schwestern im Bild der großen Mutter  zu erkennen.

Edda Grossman
07.06.2013

Juni 25th, 2013 | Category: Art & Order