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KALENDER

Kunstworkshop “die Drei” 08.06.2019, 16.30 -18.30h

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DauerAusstellung Simplicissimus-Haus, Renchen Trutz Simplex

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Katalog/Vorzugsausgabe zur Bestellung

 

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Intuitives Zusammenspiel bei Auftragskunst

Das intuitive Zusammenspiel zwischen meinen  Auftraggeber, dem Architektenbüro ARC-Architekturkonzept in Halberstadt und mir  entsteht durch den Auftrag selbst. Gegenseitige Wünsche  werden berücksichtigt und im Malprozess wieder verworfen, immer zu Gunsten der Komposition, die zu einer zweidimensionalen  Architektur wird.  Folgender Text handelt davon wie sich  mein Privatleben mit dem Stadtportrait vermischt.

 

Aura-chirurgie in Halberstadt, 2018, Öl/Leinwand/Blattgold, 60 x 100 cm

Es ist auf einer der Straßen von Halberstadt, genauer gesagt, hinter dem ehemaligen jüdischen Viertel, wo ich unvermittelt einen Anruf von der Intensivstation des Klinikums Dresden bekomme, wo sich  meine Mutter befindet.  Ich werde gebeten, möglichst schnell den Termin zu entscheiden, wann die Maschinen, abgestellt werden. Dass ich  nun vorerst keine weiteren Studien zu Halberstadt machen würde, ist klar.  Die Gedanken und das Ringen um das Leben eines geliebten Menschen stehen im Vordergrund. Ich bin überzeugt, dass  meine Mutter längst tot ist und sie nur künstlich am Leben erhalten wird, aus welchen Gründen auch immer.

Ihr Gesicht strahlt Frieden aus.  Lebenshärte  und Traurigkeit, die Falten in ihre Gesichtszüge gegraben haben, glätten sich einige Wochen vor ihrem Tod. Sie ist ein  gläubiger Mensch. Trotzdem gibt es die Tage, an denen sie sich töten will, weil der Körper ihr zunehmend Bewegungsfreiheit verwehrte. Sie liebte ihre Freiheit, dieses Bedürfnis hat sie auch an mich weitergegeben.

Ich erinnere mich, als sich wiedermal ihre Verzweiflung ausdrückt, dass ich sie frage: wo ist  Gott? Achselzucken. Was für eine blöde Frage.

Die Innenschau, zu der die gläubigen Juden an einem Tag in der Woche aufgefordert sind, gibt es bei den Christen nicht. Zumindest haben wir dieses 4. Gebot in unseren Familien nicht geübt. Gedenke des Sabbats, dass du ihn heiligst!

Wütend schimpft meine Mutter, ich solle jetzt gehen.  Ich als Tochter nehme mir das Recht, ihre Antwort zu erfahren, bevor sie stirbt,  denn sowohl ihre Mutter, als auch sie gehen regelmäßig  in die Kirche, um zu Gott zu beten. Noch in ihrer letzten Lebensphase schickt sie mir immer wieder  weise Lebenssprüche, die darauf hindeuten, dass sie ebenso wie ich eine Wahrheitssucherin ist. Dass sie nun a

m Ende ihres Lebens nicht weiß, wo Gott ist, nehme ich ihr nicht ab.

Der Ausblick aus ihrem Krankenzimmer ist groß, der Sommer blüht. Meine Mutter sieht keinen Gott vor ihrem Fenster auf den Ästen des Lindenbaumes sitzen und behauptet, dass Gott nirgendwo wohnen würde. Sie bemerkt plötzlich, dass sie ihr ganzes Leben lang umsonst die Kirche besucht hat, während sie glaubt, an Gott zu glauben. Gott wohnt also nicht in einer Kirche.

Gefühle spielen in unserer Familie möglicherweise eine untergeordnete Rolle. Das, was sichtbar ist,  zählt. So zählt meine unverfängliche Fragestellung, wo Gott wohnen könnte, nicht.

Ich schlage ihr vor, da sie nun ans Bett gebunden sei, mal nach zu schauen, ob er sich vielleicht unter ihrer Bettdecke verkrochen hätte. Sie schaut mich mit geballter Wut an, und diesem Blick halte ich  geduldig stand. Endlich wagt sie es auszusprechen: Gott wohnt in mir.

Ihrem Bekenntnis traue ich nicht, denn meine Mutter hat mich schon oft ausgetrickst.  Ich will es ganz genau wissen, woher sie weiß, dass sich Gott in ihr befindet. Sie beschreibt mir genau, wo er in ihrem Körper sitzt, und welche Farben er hat. Ihre Antworten lehren mich, dass  tatsächlich eine farbige Verbindung zwischen ihr und Gott besteht.

An den darauffolgenden Tagen  stelle ich ihr weitere Fangfragen,  um sicher zu gehen, ob Gott noch bei ihr ist. Sie lacht.

Da diese Verbindung zwischen ihr und Gott wiederhergestellt war, würde sie es mir  leichter machen, wenn sie ihr physisches Leben,  was nach fast 87 Lebensjahren vollkommen erschöpft ist, jetzt friedlich beenden würde.

Für die vielen jüdischen Familien in Halberstadt kann der Frieden nur im Nachhinein hergestellt werden. Aber für wen? Kein Jude ist nach Halberstadt zurückgekehrt. Für mich als in einem farbigen Verhältnis zu Gott stehend ist es keine Frage, dass ich ebenso wie bei meiner Mutter mich an der Wiederherstellung einer lebendigen Verbindung zu  der  Geschichte in Halberstadt  beteiligen kann.

Mein Bild von Halberstadt möchte ich schon seit vielen Jahren deswegen nicht malen, weil die Stadt derart dunkel und zerrissen auf mich wirkt, seitdem ich 1990 zum  ersten Mal  durch sie hindurch fahre.

Nach dem Tod meiner Mutter ändert sich mein Blick auf die Zerrissenheit der Stadt.

Die aufklärenden berührenden Recherchen  in verschiedenen Büchern und Filmen stelle ich zurück, sie verstärken zwar mein Mitgefühl, aber machen mich so schwer, dass ich kaum noch Energie habe, und auch keinen Sinn sehe, meiner gefühlten Schwere durch ein Stadtportrait  weitere Schwere hinzuzufügen.

Auch ein noch so sehr der Wahrheit nahe kommendes Dokument über die Art und den Ort, wo Menschen ermordet worden sind, erlösen keineswegs meine mir lange Jahre unbewusste Traurigkeit, die mir bereits meine christlichen Eltern zum Zeitpunkt meiner Zeugung  übertragen haben.

Rückblickend verstehe ich meine eigene Traurigkeit. Das Ereignis Tod nimmt eine überdimensionale Wichtigkeit seit meiner frühen Kindheit ein.  Bezeichnend ist, dass ich  mit 15 Jahren eine Französin kennenlerne, die ich ohne sie zu verstehen sofort zu meiner Wahlgroßmutter mache.  Ich weiß noch nicht, dass sie damals nicht anwesend war, als die deutschen Nazis  ihre Mutter, ihren Vater und ihren jüngsten Bruder abgeholt und in Ausschwitz ermordet haben.  Mich zieht ihr tiefer leuchtender Blick  an. Sie lebt in einem großen Haus umgeben von einem parkähnlichem Garten in Mulleron bei Paris, ansonsten scheint sie wenig zu brauchen, fährt morgens mit ihrem klapprigen Auto nach Paris zum Institut Marie Curie, wo ich sie forschend glaube. Von Wissenschaft und Chemie verstehe ich   nichts.  Sie geht mit mir zur Mensa der Heilsarmee, wo sie gelegentlich zu Mittag isst. Sie scheint sich wohl zu fühlen unter den bedürftigen Menschen, die mit offenen violetten Wunden dort ein und ausgehen. Wir wühlen in Bergen von gesammelten Kleidern herum, bis wir etwas finden, was wir für wenig Francs kaufen. Ich erstehe eine kleine weiße Kinderhand aus Gips geformt.

Seitdem  ist  das bescheidene Glück, mit dem sie mich in Berührung bringt, selbstverständlich. Ein ganz ähnlich spärliches Glück kenne ich außerdem von meinen Eltern. Mich umgibt dort ein von  protestantischer Sparsamkeit gespeistes Glück. Über die Jahre lerne ich, dass die Tiefe des erfahrenen Leides eine relative und unvergleichbare Angelegenheit ist und  der Grad eines Schmerzes für jeden Menschen offensichtlich unterschiedlich ist.

Zurück zu Halberstadt. Halberstadt hat in der Gesamtheit seines Stadtbildes jene klaffende Wunde, die  an dem  von Olaf Wegewitz geschaffenen Denkort erlebbar wird. Ich will länger dort  verharren, aber mir wird es trotz der sommerlichen Temperaturen sehr kalt.  Schnell verlasse ich den Ort und suche zum Aufwärmen das  koschere Museumscafé Hirsch auf. Es hat schon geschlossen. Die Abendsonne spiegelt einen golden Hirsch auf die rotgestrichene Innenwand der verlassenen Gaststätte. Ich halte diesen Eindruck fotografisch  fest, um dieses wundersame Lichtbild  festzuhalten, vielleicht  ließe es sich in meine Komposition einbauen. Diese vom Zufall der Sonneneinstrahlung abhängige kurzweilige Erscheinung bewegt mein Herz. Ich denke nach, wie ich  Gold für mein Halberstadt Stadtportrait einsetzen könnte. Wie golden anmutendes Licht meine Betrachtungsweise auf die Vergangenheit lebendig macht, spüre ich deutlich.

Ich verlasse mich auf meine Vorstellung, dass Gold mich wärmen könnte, auch wenn ich bisher zu diesem Metall eher eine materialistische Beziehung habe, abgesehen davon, dass mir goldfarbener Schmuck nicht steht.

Dort wo sich das jüdische Viertel auf meiner kleinformatigen Leinwand befindet, habe ich keinen Platz, um den Denk-ort meines Kollegen  zu zitieren.  Ich versuche mit einem Käfig, dem eine Taube entflieht die grausame Vergangenheit einzufangen. Mit dem Käfig meine ich natürlich auch John Cage, dem eine Art Hör-ort in der St. Buchardi Kirche gegeben worden ist, wo sein Musikstück alle paar Jahre um einige weitere Orgeltöne bereichert, zu hören ist. Das Ende der Komposition As SLow aS Possible wird erst in ca. 600 Jahren stattfinden. Ich bin ungeduldig und vielmehr an der Wahrnehmung von Lichtgeschwindigkeit interessiert. Deswegen muss der Käfig in diesem Zusammenhang weichen.

Blattgold füllt den Keil,  den ich  von der Erde zum Himmel  oder umgekehrt vom Himmel in die Erde erfinde. Lichtgeschwindigkeit ist so, dass eine Richtung von woher das Licht kommt  für uns nicht wahrnehmbar ist.  Ebenso ist die Strahlung des Goldes derart präsent und gleichzeitig so verdichtet, Bewegung optisch nicht darstellbar ist.  Es steht windstill opak, ohne jedoch das  Auge zu blenden. Reines Schwarz neben Gold  wirkt eher verstaubt oder anthrazit. Eine sonderbare Wirkung, teilt sich mir mit. Pechschwarz verliert an Dunkelheit und Tiefe in Gegenwart von Gold.  Auch das schmutzige Weiß, was sich  durch unsauberes Mischen der Ölfarben in mein Bild einschleicht, wirkt plötzlich neben dem Gold lebendig und beginnt mit  allen anderen Farben zu leuchten.

Die Taube male ich beinahe lebensgroß, weil ich damit das düster anmutende Portrait der Karschin, die 1791 von dem Historienmaler Karl Christian Kehrer, für den  Freundschaftstempel in Halberstadt gemalt wird,  erhellen will. Die deutsche Dichterin pflegt  eine intensive 30 jährige Brieffreundschaft zu Johann Wilhelm Ludwig Gleim. Gern würde ich „Vater Gleim“ wie der Dichter, Literaturmäzen, Sammler der deutschen Aufklärung in seinem großen Freundeskreis genannt wird, einen exponierten Platz am Silhouetten-Stuhl geben, um den in der Aufklärung entstandenen Begriff der Freundschaftskultur in die Gegenwart meines Bildes von Halberstadt zu holen. Dafür ist die Leinwand zu klein, stattdessen steht an dem sogenannten Schattenrissstuhl eine Person im weißen Maleranzug, die auch ich sein könnte.

Dass  das große Weiß  der Taube die Eiseskälte, die in den Gesichtszügen der tapferen Dichterin liegt, nur symbolisch zu stillen vermag, weiß ich.   Anne Louisa Karsch stirbt an meinem Geburtstag, so ist mir danach, sie nochmals zum Leben zu erwecken, sie zu spiegeln und ihr als Linkshänderin die Gelegenheit zu geben,  auf Gold ohne Worte mit roter Farbe zu malen.

Das Verständnis für den Propaganda-Juden, wie ihn mein lebenslanger Freund, der zudem auch ein leiblicher Enkel meiner Grandmére ist,  entrüstet nennt, scheitert nicht nur wegen seiner Wortwahl. Er ringt nach dem korrekten sprachlichen Ausdruck wie um das Erfassen seiner Emotionen, warum  sich  mein  jüdischer Prototyp auf dem Schattenriss-Stuhl die Hände vor echtes Blattgold schlägt.  Eine Erklärung dafür gebe ich nicht. Ich schlage ihm das Experiment vor,  sich selbst vor seine Augen eine rechteckige Form von Blattgold zu halten und die Wirkung zu fühlen.

Die Wirkung von Gold in unmittelbar physischer Nähe  lässt sich  ebenso auf bildnerische Weise erfahren.

Für meinen wissenschaftlichen Freund, der  Chirurg ist und  klinische Studien in einer angesehenen Klinik in San Francisco betreibt, zitiere ich seinen berühmten Kollegen Paracelsus:

Unter allen Elixieren ist das Gold
das höchste und das wichtigste für uns.

und

Trinkbares Gold heilt alle Krankheiten,
es erneuert und stellt wieder her.

Was genau soll eigentlich erneuert und wieder hergestellt werden?

Vielleicht kann der große Roland mit seinem schillernden Regenbogenschwert und seinem rosafarbenen Gürtel, in den in Wirklichkeit steinerne Rosen gemeißelt sind, Antwort geben. Dass der Vater meines Freundes ausgerechnet den verheißungsvollen Vornamen Roland trägt, rundet meine individuelle Betrachtungsweise auf Halberstadt  in magischer Weise ab.

November 30th, 2018 | Category: Art & Order